Schweres Eisenbahnunglück auf der Strecke Adorf-Roßbach

Werner Pöllmann, Markneukirchen
Vogtlandanzeiger 21./22. September 1996
Vor 90 Jahren rollte der erste Zug zwischen Roßbach und Adorf. Zur Geschichte des Eisenbahnbaus hier der zweite Beitrag unserer Artikelfolge von Werner Pöllmann.

ADORF. – Durch die neue Linie Roßbach-Adorf waren unbeschrankte Bahnübergänge an der Staatsstraße Adorf-Oelsnitz und
Bild Tetterweintal Zwischen Freiberg und Arnsgrün trifft man auf diese Überquerung. Ein Wirtschaftsweg und ein Waldbach führen unter dem Gleiskörper hindurch
Foto: Thomas Schindel
am Bahnhof Freiberg zu schaffen. Je eine Überbrückung für die Straße und einen Forstweg zwischen Arnsgrün und Gettengrün sowie ein halbes Dutzend Wasserdurchlässe mußten gebaut werden. Die Konzession der Königlich Sächsischen Regierung an die Österreichische Local-Eisenbahngesellschaft wurde am 18. August 1903 erteilt. Dort heißt es im Paragraph 17: "Nach Ablauf von 90 Jahren geht die gesamte Bahnanlage Adorf-Roßbach, soweit sie auf sächsischem Staatsgebiet liegt, mit Ausnahme der Betriebsmittel ohne Entschädigung in das Eigentum des sächsischen Staates über". Im Paragraph 18 steht sinngemäß, daß ein Weiterbau von Roßbach über Regnitzlosau nach Hof und der Betrieb von Adorf bis Hof der Sächsischen Staatsbahn zu überlassen ist.

Nachdem im Frühjahr 1905 die Grundstücksenteignungen abgeschlossen waren, konnte mit dem Bau, den die Firma Kruliš aus Prag durchführte, begonnen werden. Aber auch die Einwohner von Leubetha waren um eine Haltestelle bemüht. Ein entsprechendes Gesuch richteten zum Beispiel die Musikinstrumentenfabrikanten "Bauer & Hawranek" an die Amtshauptmannschaft Oelsnitz. Es blieb jedoch vorerst unberücksichtigt. Der Haltepunkt Leubetha wurde aber dann doch unmittelbar an der Staatsstraße Adorf-Oelsnitz beim Kilometer 23,3 angelegt. Hier hatten ohnehin, auf Anweisung des Königlich Sächsischen Finanzministeriums, die aus Roßbach kommenden Züge vor dem Straßenübergang aus Sicherheitsgründen kurz zu halten.

Am 6. August 1906 war das Gleis vollständig gelegt, und es wurde der provisorische Lokomotivbetrieb mit Bauzügen von Roßbach bis Adorf durchgehend aufgenommen.
In der Nummer 205 des Adorfer Grenzboten vom 5.September 1906 war zu lesen "Schweres Eisenbahnunglück auf der Strecke Adorf-Roßbach!"
Bild Unfallstelle Etwa an dieser Stelle, nur wenige hundert Meter vom Roßbacher Bahnhof entfernt, muss sich das Unglück zugetragen haben
Foto: Thomas Schindel
Dabei wurde am Vortage gegen 11.00 Uhr nahe der Landesgrenze der Oberingenieur Prokupek (Vater von sieben Kindern) wegen Bremsversagens eines Baufahrzeuges tödlich verletzt.
Auch der Obervogtländische Anzeiger aus Markneukirchen berichtete ausführlich über das traurige Ereignis: Prokupek war einer der befähigsten und talentiertesten Mitarbeiter der Firma Kruliš und die "Seele" des Bahnbaues.
Es muß aber gesagt werden, daß es nicht nur ein technisches Versagen, sondern auch Fahrlässigkeit war, die zu diesem tragischen Ende führte.
Man war mit zwei Rollwagen von Roßbach zum Bahnhof Arnsgrün unterwegs gewesen. Im ersten fuhren Prokupek und der k&k-Staatsbahninspektor Rapaport aus Krakau. Nur eine halbe Minute später folgte ein zweiter Rollwagen, der eine größere Übersetzung hatte als der erste und außerdem noch mit Möbeln für die Haltestelle Arnsgrün beladen war.
In der Kurve bei der ehemaligen Lazarusmühle, nahe der Grenze, doch noch auf österreichischem Boden, wo die Strecke ein starkes Gefälle aufweist, sahen die Insassen des ersten Wagens plötzlich den zweiten mit rasender Geschwindigkeit auf sich zukommen.
Im nächsten Augenblick, noch ehe sie etwas unternehmen konnten, kam es zum Zusammenstoß, der eine solche Gewalt hatte, daß alle Insassen in weitem Bogen herausgeschleudert wurden. Prokupek fiel aufs Gleis, wurde überfahren und war auf der Stelle tot. Alle anderen kamen mit leichten Verletzungen davon.

Den Abschluß der Bauarbeiten brachte die Revisionsfahrt, die am 14. September 1906 um 8 Uhr in Roßbach begann.
Repro Fahrplan Interresant ist ein Blick auf den Fahrplan von 1914
Repro: W. Pöllmann
Am folgenden Tag wurde die gesamte Strecke von Asch bis Adorf in den k&k Staatsbahnbetrieb übernommen. Zu diesem Zweck verkehrte ein Kommissionssonderzug am Nachmittag von Asch Stadt nach Adorf und zurück.
Ebenfalls am 15. September 1906 veröffentlichte das Königlich-Sächsische Finanzministerium in Dresden folgende amtliche Bekanntmachung:
"Am 18 September 1906 wird die von der k&k Oesterreichischen Staatseisenbahnverwaltung erbaute vollspurige Nebeneisenbahn Adorf-Roßbach in Böhmen für den öffentlichen Personen- und Güterverkehr eröffnet. Den Betrieb führt die k&k".
Außerdem wurde mitgeteilt: "Die Fahrpreise werden nach dem österreichischem Zonentarif erhoben und betragen: von Adorf nach Stationen Leubetha, Freiberg oder Arnsgrün, 3. Klasse, 20 Pfennig, von Adorf nach Roßbach oder Thonbrunn, 3. Klasse 42 Heller, von Adorf nach Neuberg, Schönbach oder Asch, 3. Klasse 64 Heller. Für die Rückfahrt gelten die gleichen Preise."

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