"Schaustück - Die Eisenbahnen am Nabel Europas"

Hans und Christian Kundmann, Selb
Manuskript-Heft, Stand Oktober 1989
...neben dem Planverkehr gab es in Eger immer wieder außerplanmäßige Züge. War es 1939 z.B. ein schnittiger Triebwagen, so waren es gegen Kriegsende Militärzüge, Verwundeten- und Flüchtlingstransporte, sowie manches andere mehr, die allesamt - genauso wie der Normalverkehr - kräftig unter den Kriegseinwirkungen zu leiden hatten. Dazu gehörte auch der kleine "Roßbacher Bockl" (im Vogtland auch Mockel genannt) - Bindeglied der Hofer und Plauener Strecke.
Mockel in Asch Stadt Behäbig, aber wichtig: der Roßbacher Bockl
Sammlung Gebr. Kundmann

Die "Zuckelbahn"
vom "Hinterhof" des Ascher Hauptbahnhofs
hinauf nach Asch Stadt und auf der welligen Hochfläche
über Asch Hofer Straße, Thonbrunn und Roßbach
durchs liebliche Tetterweintal
zum "böhmischen Stutzen" in Adorf

Asch Bayerischer Bahnhof lautete die Bezeichnung dieser Station an der Strecke Eger - Hof fast 60 Jahre lang. Als die Deutsche Reichsbahn die Bayerische Staatsbahn übernahm, wurde aus ihm der Reichsbahnhof. In seinem recht massiven, optisch aber nicht unbedingt berauschenden Empfangsgebäude waren die Dienstzimmer der deutschen Reichseisenbahner, aber auch des deutschen und tschechischen Zolls sowie der Grenzpolizei untergebracht. Asch war Grenzstation, auch wenn die deutschen Züge ohne Personal- und Lokwechsel über die Grenze hinweg weiterfuhren. Auch ein Beamter der ČSD hatte vor 1938 zur Straßenseite hin sein Dienstzimmer mit Blick zum Stumpf-Bahngleis. Dieser war Ausgangspunkt des Roßbacher Bockels, der nur über eine Spitzkehre seine Güterwagen durch ein Tor, das jeweils geöffnet werden mußte, zu den sechs bayerischen Gleisen bringen bzw. abholen konnte. Und dieses Aufkommen war gar nicht so gering, hatte doch Asch an dieser Lokalbahn seinen eigentlichen Stadtbahnhof.

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Als sich 1938 "das Blatt wendete", erhielt der "große" Bahnhof vor den Toren der Stadt seinen dritten Namen: Hauptbahnhof. Am Betriebssystem änderte sich nichts. Vielfach fuhren weiterhin die früheren (von grasgrün auf beige-rot umlackierten) ČSD-Turmtriebwagen, bis die Benzinknappheit wie überall den Dampfbockel wieder voll qualmen ließ.

Die 25 km lange Strecke wurde in zwei Teilabschnitten in Betrieb genommen, der erste 1885 bis Roßbach, gebaut von der Österreichischen Lokalbahn-Gesellschaft. Das Anschlußstück folgte nach Abschluß eines Staatsvertrages im Jahr 1906.

Betriebsbahnhof für diesen ČSD-Inselbetrieb war Asch Stadt mit einem dreiständigen Heizhaus, umgeben von einem hohen "abschirmenden" Bretterzaun. In ihm wurden mehr Reparaturarbeiten als sonst üblich ausgeführt. Denn das Überführen einer Lok kostete Geld, weil die DR darauf bestand, daß die ČSD-Lok von einer DR-Maschine zwischen Asch Reichsbahnhof und Eger begleitet wurde. Deshalb beschränkte die ČSD diese Überführungen auf unvermeidbare Generalinspektionen in Pilsen.

Von Asch Reichsbahnhof (645 m) zieht sich der Schienenstrang unter weitvorspringenden Ästen dicht stehender Laubbäume am Fuße des Kegelberges (aussichtsreich mit Blick auf das Fichtelgebirge) hinauf nach Asch Stadt, mit 670 m eine der höchstgelegenen Stationen West-/Nordböhmens. Bald hinter diesem Stadtbahnhof mit mehreren Gleisanschlüssen hielt zuweilen auch mal der Triebwagen inoffiziell am Weg vom Ascher Gymnasium zur bayerischen Prex. Seines Zweckes wegen hieß die "Haltestelle" nur der "Pascher Halt". Echte Haltestelle war hingegen Asch Hofer Straße gegenüber dem bayerischen Grenzort Neuhausen. Vielfach waren hier Bierwagen der Ascher-Aktienbrauerei abgestellt. Weiter zuckelte der Zug in großer Kurve durch den grenznahen Höllenwald nach Schildern, weiter über freie, besonders im Winter sehr wehanfällige Flächen zur Haltestelle Neuberg mit dem im Tal liegenden Ort. Dann schlängelt sich die Trasse - weiterhin etwa auf der 650 m - Höhenlinie - über Thonbrunn nach Friedersreuth am Neuenteich, wo ein Schlauch bereitlag, damit die Lok des gemütlichen Zügleins "den Durst löschen" konnte, wenn sie es bis zum Wasserturm in Roßbach nicht mehr aushielt, das nach einer mächtigen Kurve erreicht wurde. Dieser Durchgangsbahnhof war die Nr. 2, der erste lag - als Kopfstation - noch ungünstiger zum Ort und wurde aufgelassen, als 1906 die Strecke bis Adorf verlängert wurde.

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Damit wurde Roßbach zur Grenzstation, eine der wenigen, die es an einer Lokalbahn gab. Der Bahnhof (mit wenigen Stations- bzw. Ladegleisen) hatte auch keine Signale, dafür einen Revisionsaal mit tschechischem und deutschem Zollamt. Auch wenn die Kontrollen zuweilen genau waren, ging es hier recht leger zu, kannten sich die Fahrgäste und Zöllner meist gegenseitig. Und als kleine Episode sei hier vermerkt, dass einmal vergessen wurde, die Tür des Wartesaals vor Abfahrt des Zuges aufzusperren, sodass 20 Reisende genötigt waren in Roßbach zu übernachten. Erwähnt sei aber auch, dass - neben dem grenzüberschreitenden Pendlerverkehr - ein relativ starker Güterverkehr herrschte, wobei vor allem Zwickauer Kohle auf kürzestem Weg herangeschafft und Fabrikserzeugnisse (auch nach Asch) abgefahren wurden.
Hinter Roßbach bzw. der Grenze begann die Strecke insgesamt 150 Höhenmeter zu fallen, führte im verträumten Tetterweintal über granitgemauerte Brücken und durch Felseinschnitte hinab ins breite Elstertal. Hier verlief der böhmische Schienenstrang noch rund einen Kilometer neben dem doppelgleisigen sächsischen Staats-Bahnkörper bis nach Adorf (444 m). Dann endete der Roßbacher Bockel (Anmerkung: Im Vogtland hieß der Zug Roßbacher Mockel) im hintersten Gleis dieses Bahnknotens.

Angemerkt sei noch, dass über dieses Gleis des Roßbacher Bockels auf Grund liegengebliebener Munitionswagen bei Schönberg in den letzten Kriegstagen auch Transportzüge aus Richtung Plauen über Asch - Franzensbad nach Tirschnitz geleitet wurden, bis bei Freiberg nahe Adorf durch Fliegerangriffe auch dieser Streckenbereich außer Gefecht gesetzt wurde. Damit erfaßten die Tage der Agonie auch diese kleine Bahn, kam nach 39 Jahren das "Aus" für den Abschnitt zwischen dem Ascher Zipfel und dem oberen Vogtland. Das Gleis wurde gleich hinter Roßbach unterbrochen, dann später auf sächsischer Seite abgebrochen.

Anmerkung: Der nächste Abschnitt hat nur bedingt mit dem Roßbacher Mockel zu tun, schildert aber eindringlich die Situation in der Ascher Region kurz vor Kriegsende und ist deshalb hier mit aufgeführt


Die letzten Stunden vor dem Kollaps

Ein alter Lokführer, der damals einen der letzten Reisezüge nach Hof führte, erinnert sich: Es war die Zeit, als tagsüber "Tiefflieger" Züge jagten (so auch einen kleinen Personenzug bei Höchstädt-Thierstein "lahmlegten" und die kleine hölzerne Güterhalle in Selb Stadt in Brand schossen) und nachts Bomber ihre Ziele suchten. Kein Wunder, dass in jeder Station versucht wurde, die Züge so schnell wie nur möglich wieder "los zu kriegen", d.h. aus dem Bahnhofsbereich zu bringen, wenn Flieger im Anflug waren. Zu sehr stobten - auch an jenem späten Abend - die roten Funken aus dem Schlot der mit schlechter Kohle gefeuerten Lok. Um den Zug nicht aus der Luft zu erkennen, wurden immer wieder Zwischenhalte in Waldstücken eingelegt. So auch vor Asch, bevor bei abgeschaltetem Licht die wenigen "dunklen Gestalten" zum Roßbacher Bockl hinüber huschten. Dann ging die "unheimliche Fahrt in finsterer Nacht" weiter über den offenen Bereich nach Selb-Plößberg, erst hinter Schönwald war im dichten Waldgebiet wieder ein sicherer Bereich erreicht. Die Perlenbachbrücke konnte noch befahren werden, bevor sie kurz danach in sich zusammensackte. Und ebenso konnte in Hof gerade noch eingefahren werden. Dann aber folgte das Inferno: In Hof wie in Eger...

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